Über Pornos, Arbeit ohne Rente und Chlamydien!

Jason SteelWenn der Begriff Porno fällt, dann denken die meisten zuerst an Menschen, die nackt oder halbnackt Sex haben oder bestimmte Sexualpraktiken vor der Kamera ausüben und gelegentlich derbe Sprüche von sich geben.

Mit Pornos gucken als Anregung oder direkte Wichsvorlage haben die meisten grundsätzlich kein Problem. Wenn allerdings über den Job Pornodarsteller(in) gesprochen wird, dann fallen meist Kommentare wie: „Ist doch voll der Traumjob, aber nichts für mich“, „Für sowas wäre ich mir zu schade“ oder „Muss jeder selbst wissen“.

Aber woher rührt diese Akzeptanz des „Schauens“ auf der einen Seite und der Ablehnung des „Machens“ auf der anderen Seite? Dieses Phänomen ist in keinem Land Europas so ausgeprägt wie in Deutschland. Liegt es vielleicht daran, dass uns unsere Eltern immer erzählt haben, du sollst zur Schule gehen und fleißig sein, sonst wird aus dir nichts? Oder liegt es daran, dass wir mit dem Begriff Arbeit etwas negatives verbinden, zu dem wir minder gezwungen sind, weil „Ohne Moos nix los!“?

Der Job Pornodarsteller(in) wird gesellschaftlich nicht als Arbeit anerkannt und für Außenstehende ist es schwer zu verstehen, was da eigentlich genau an Arbeit geleistet wird. Klar, werden die meisten sagen, was ist beim Ausüben von Sex schon Arbeit!? Millionen Männer und Frauen tun dies jeden Tag in Deutschland. Hier wird niemand oder wirklich nur selten gegenüber seiner Frau oder seinem Mannes behaupten: „Es war gerade echte Arbeit, dich zu befriedigen, mein Schatz“.
Das Gabler Wirtschaftslexikon definiert den Begriff Arbeit wie folgt: „Es ist eine zielgerichtete, soziale, planmäßige und bewusste, körperliche und geistige Tätigkeit.“ Nach dieser Definition würde also „Sex vor der Kamera“ tatsächlich Arbeit sein. Leider fehlt da eine Kleinigkeit, nämlich das Entgelt oder der Lohn, den man für seine Arbeit bekommen sollte. Denn ohne diesen würden wir keine „Arbeit“ für andere tun wollen, außer für uns selbst und Freunde. Genau deshalb wird der Begriff „Arbeit“ eher negativ angesehen. Mittel zum Zweck halt. Die Arbeit eines Pornodarstellers findet ebenso wenig Platz im Arbeitsrecht wie die durch die Branche selbst geforderten nötigen Gesundheitsmaßnahmen. Gut, Arbeitsschutz im Sinne von Verhütung und Gesundheitstests, spielt hier ebenso eine Rolle wie bei der Installation und geprüfter Abnahme einer Strom- oder Gasleitung. Dennoch verstehen nur die Wenigsten, dass es eben doch ein Job ist und man sein Geld nur bei getaner Arbeit erhält. Soviel dazu erst mal.

Was also, wenn jemand ausschließlich von seinen Jobs in der Erotik- und Pornobranche lebt. Irgendwann kann dieser Jemand seinen Beruf nicht mehr ausüben, weil er zum Beispiel zu alt ist. Hat er dann trotzdem einen Rentenanspruch für die Jahre vor der Kamera? Als Selbstständiger: Nein. Wenn er zu wenig verdient und zu Lebzeiten nichts zurücklegen kann, dann hat er Pech gehabt. Und das, obwohl jeden Tag Millionen Menschen in Deutschland Pornos gucken. Ja, sogar froh darüber sind, dass es Pornos gibt und Menschen, die sich selbstlos dieser Sache hingeben und am Ende wahrscheinlich mehr als nur alt aussehen.

Noch schlimmer sind die gesundheitliche Risiken. Vor allem dann, wenn sie eintreten. HIV ist sicherlich der worst case. Aber es gibt noch andere Gefahren, wie zum Beispiel eine Infektion mit Chlamydien. Gut, es ist eigentlich keine große Sache, wenn es rechtzeitig erkannt wird, dann kann es mit Antibiotika behandelt werden. Wenn jemand aber von seinem Job anhängig ist, dann kann er in der Regel erst einmal nicht drehen und verdient damit auch kein Geld, wovon er seine Miete und sonstige Rechnungen bezahlt. Noch schlimmer ist es, wenn er im Ausland vorhat zu arbeiten und dafür Flug und Unterkunft bereits gebucht hat, dann kann er außerordentlichen, unfreiwilligen und kostspieligen Urlaub machen. So wie es mir leider auch passiert ist im September in Budapest. Aber OK, was soll es bringen, sich zu ärgern. Geld ist nur Geld. Außerdem hatte ich jetzt Zeit genug, diese Kolumne zu schreiben. In diesem Sinne „Bleibt sauber“.

Euer Jason Steel

Text & Bild aus der DD 05/16

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