Kann man(n) mit Pornos noch Geld verdienen?

Jason Steel 01Neulich hat mein Steuerberater mit mir Klartext gesprochen. Natürlich sprachen wir zuerst über meine EÜR-Rechnung des letzten Jahres und über kleinere Geschäftsvorfälle, wo ich hier und da Belege nachzubearbeiten hatte. Ich schaute mir die Zahlen an und war froh festzustellen, dass die Steuer nicht so hoch ausfallen würde wie ich vorher befürchtet hatte. Insgesamt gesehen, ein berauschendes Ergebnis sieht anders aus. Nach einer guten Stunde fing der Steuerberater den Satz etwa so an:“Wie lange soll das noch so weitergehen?“. „Sie meinen Pornos drehen?“ fragte ich. „Ja, das und zu wenig Geld verdienen!“

Ich schluckte … denn ich wusste wovon er sprach. Er erklärte mir, dass er meine Arbeit an sich toll finde, aber ich im Verhältnis zu meiner Arbeitsleistung viel zu wenig verdiene. In seinem Steuerbüro arbeite er für Mandanten aus unterschiedlichen Branchen. Darunter sind Freiberufler, Unternehmer und auch ganz normale Arbeitnehmer. Die hätten im Durchschnitt alle mehr Verdienst als ich. Im direkten Vergleich verdiene ich wohl nach Abzug betrieblicher Ausgaben genauso viel wie eine festangestellte Servicekraft in der Gastronomie. Nur mit einigen Unterschieden, wie dass diese gesetzlich krankenversichert ist ohne eine Selbstbeteiligung von 600 Euro hat und im Kündigungsfall wenigsten Arbeitslosengeld erhalte. Er fragte mich, was ich denn in so einem Fall an Reserven hätte. Ich gab zu, dass da Nichts ist. Dass Einnahmen und Ausgaben eine Plus-Minus-Null Geschichte ist und die Erfolgskurve eher einer Achterbahnfahrt ähnelt dessen Ankunftsziel noch gar nicht feststeht. Als Mann ist es schwierig genug Geld zu verdienen, um davon leben zu können. Vorbei ist Glanz und Gloria der 90er schon lange.

Die Pornoindustrie ist wirtschaftlich gesehen nur noch ein Schatten ihrer Selbst. Dabei spielen Urheberrechtsverletzungen im Internet eine große Rolle. Die Budgets für Produktionen sind auf ein Minimum runtergefahren und das spüren alle. Es fehlen einfach die Aufträge, um mit der heutigen Gage (vor Steuer) klarzukommen. Eine „Gehaltserhöhung“ gab es in den letzten 15 Jahren keine. Natürlich sind neue Verdienstmöglichkeiten via Internet dazugekommen und die dabei entstandene Amateurcommunity hat davon sicherlich in der Vergangenheit am meisten profitiert. Aber auch hier sind die Zahlen rückläufig. Wobei da – und wie in der Pornoindustrie natürlich grundsätzlich – der Fokus auf den Frauen liegt. Männer können nicht einfach mal so sagen sie setzen sich vor die Cam. Da bleiben nur die Drehs übrig. Hin und wieder eine Camshow und noch viel weniger Liveshows in Clubs oder auf Messen. Wenn man dann zu den Besten gehört, dann klappt das, dass man davon leben kann.

„Das wäre mir alles zu stressig an ihrer Stelle!“, gab mir mein Steuerberater zu verstehen. Ich solle doch an die Zukunft denken. Wenig bis gar keine Rente ist zu erwarten und die Preise für Mieten, Kleider, Essen und Sonstiges steigen. Er wolle mir das ja nicht ausreden, aber das Geld sei zu wenig für das, was ich alles dafür mache an Organisation, Vorbereitung für Drehs, Reisen mit Flugzeug, Auto, Bus und Bahn, monatliche Gesundheitstest, Kleidung, Sport, Büroarbeit, Marketing, Eigenwerbung, Messeteilnahmen und was da noch so zu tun sei…

Bei dem Pensum wäre eigentlich ein Managergehalt wie es in einem kleinem mittelständigen Unternehmen gezahlt wird ohne weiteres zumutbar. „Warum tun sie sich das an?“, fragte er mich. Ganz einfach, weil ich es kann. Ich bin gut in dem was ich da mache. Das Geld ist zwar wenig und selbst ich als Etablierter arbeite hart dafür, aber der Job macht mich glücklich. Glücklicher als ich es je war in irgendeiner Arbeit zuvor.

Als Banker und Versicherungskaufmann gehörte ich zwar dazu und war unabhängig, aber als Pornodarsteller bin ich frei. Frei im Geist und zwar ohne schlechtes Gewissen. Ein jedes Set ist spannend und ich darf mit Profis vor und hinter der Kamera zusammenarbeiten. Außerdem treffe ich ständig neue coole Leute, wenn ich durch Europa von Set zu Set reise. Genau genommen bekomme ich also ganz viel immaterielle Werte an Lebensweisheit, Freunden, tollen Erlebnissen durch meine Arbeit, die ich in keinem anderem Job der Welt so erfahren hätte. In Zeiten wie den heutigen ist, meiner Meinung nach das persönliche Glück privat und wie bei der Arbeit doch wohl das höchste Gut, was einem zuteilwerden kann und mit Geld nicht messbar ist. In diesem Sinne bin ich wohl reich. Macht’s gut und bis zum nächsten Mal.

Euer Jason Steel

(Kolumne aus der DD 03/16)

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