Shades of Grey: Eine Buchrezension

Hera Delgado

Hera Delgado

Ich habe es mir angetan. Shades of Grey, naja, zumindest zur Hälfte.
Nach 1,5 von 3 Bänden habe ich das virtuelle eBook zugeklappt und in die Ecke geschmissen. Warum? Weil das Buch nichts, aber auch gar nichts mit “BDSM” zu tun hat, so wie ich ihn kenne und verstehe.
Ich hole mal ein wenig aus. Die Story, für alle, die das Buch nicht gelesen haben, ist schnell zusammengefasst: Junges Mädel trifft ebenfalls noch ziemlich jungen Unternehmer, sie verlieben sich, er hatte eine völlig verkorkste Kindheit und das manifestiert sich nun also in seinen “perversen” SM-Neigungen. Sie, einerseits fasziniert, andererseits abgestoßen, gibt die Hoffnung nicht auf ihn zu ändern, und… schafft es, dank der einzig wahren Macht im Universum, die einem die dunklen Geister austreiben kann… der LIEBE! Ach ja, und nicht zu vergessen, die beiden ficken den lieben langen Tag, und es ist natürlich… immer totaaal geil!

Ich könnte kotzen, wenn ich mir das noch mal auf der Zunge zergehen lasse.

Versteht mich nicht falsch. Das Buch muss wohl seine Daseinsberechtigung haben, nicht umsonst ist es weltweit in den Bestsellerlisten vertreten. Ich bin sogar davon überzeugt, dass ein Buch genau so geschrieben sein muss, um ein Bestseller zu werden. Ein “echter” SM-Roman würde es wohl genauso wenig in die Toplisten schaffen wie einer meiner Filme, denn dafür ist das Zielpublikum viel zu klein.

Nein, es ist ein anderer Punkt, der mich stört, nämlich der, dass ein Bild von “BDSM“ einer breiten Öffentlichkeit vermittelt wird, welches mit der Realität nicht viel gemein hat. Es kommen Frauen zu mir und meinen, sie stünden auf SM, auf “Bondage-Sex” und “Fetisch-Sex”. Ich frage sie dann, “Stehst du auf Bondage, auf Fetisch oder auf Sex?” Denn diese Dinge stehen sich gegenüber und haben eigentlich nicht viel gemeinsam. Dann schaue ich in fragende Gesichter…
Ja, es gibt die Fraktion der “Spieler”, die SM als Teil ihrer Sexualität sehen, denen es um Lust und Orgasmen geht. Aber es gibt auch noch die anderen, diejenigen wie mich – und davon gibt es nicht wenige.
SM ist für uns kein Spiel, kein Mittel zur Befriedigung. Wir haben unsere Lust und wir haben unseren SM. Und jetzt räumen wir mal mit einigen Punkten auf, die das Buch den nichtsahnenden Hausfrauen da draußen zu vermitteln versucht:

Nicht bei jedem, der auf SM steht, ist etwas “schiefgegangen”. Ja, es gibt diejenigen, deren traumatische Erlebnisse vergangener Tage sich in irgendeiner Form nun in ihrer Sexualität manifestieren. Aber es gibt mindestens genauso viele, bei denen das nicht der Fall gewesen ist, bei denen nie irgendwas schief lief, die eine glückliche und erfüllte Kindheit hatten und auch sonst keinerlei psychische Störungen vorzuweisen haben. Die ein ganz normales Leben führen, verantwortungsvolle Eheleute und liebende Mütter und Väter sind – und die TROTZDEM gerne Menschen quälen oder sich foltern lassen.
SM und SEX sind NICHT das gleiche. Viele von uns haben erfüllende Sessions, ohne dabei Sex zu haben. Es ist möglich einen Orgasmus zu haben, ohne einen Orgasmus zu haben. Es ist möglich Lust zu empfinden, ohne geil zu sein. Nicht jede Session, nicht jeder SM dient der Befriedigung der körperlichen Lust, manchmal geht es einfach nur darum zu quälen, gequält zu werden, sich fallen zu lassen oder zu sehen, wie weit man gehen kann, Grenzerfahrungen zu machen und zu spüren, was danach kommt.
Folter und Liebe schließen sich nicht gegenseitig aus – ganz im Gegenteil. Eine Passage im Buch hat mich wirklich sehr geärgert, ich zitiere sie: “Nein, nein, nein. Ich kann nicht mit jemandem zusammen sein, der darauf steht, mir Schmerz zuzufügen, mit jemandem, der nicht fähig ist, mich zu lieben”. Ich hatte viele Gespräche mit anderen SMern und bislang war ich mir mit diesen immer einig: Das, was wir tun, schafft Nähe – und Nähe schafft Liebe. Das ist der normale Gang der Dinge und wenn mir jemand sagt, dass er mit ein und derselben Person längere Zeit Sessions hat und null Gefühl dabei entsteht, dann hake ich sofort ein und versuche zu erfahren, was da anders läuft als bei anderen. Neigungen sind verschieden und die Wahrscheinlichkeit innerhalb der Szene auf jemanden zu treffen, der nicht “matcht”, ist hoch. Trifft man jedoch den passenden “Spielpartner”, geht der Rest meist von allein. Momente voller tiefer Emotionen, Angst, Hingabe, Schmerz, Lust schaffen Verbundenheit. Wir fallen und wir wollen aufgefangen werden, wir lassen stürzen und wir helfen wieder hoch. Das “Fliegen”, der Moment nach einer Session – er ist intensiv. Ein emotional gesunder Mensch wird sich in sein Gegenüber verlieben – und was könnte es schöneres geben als denjenigen zu finden, mit dem man seine absurdesten Neigungen ausleben kann und dafür auch noch geliebt zu werden und selber zu lieben?!
Und zu guter Letzt: Immer wieder spricht die Hauptprotagonistin im Buch davon, wie der traurige “Christian” auf der dunklen Seite des Lebens gefangen ist, dass er ins Licht möchte. Was mir sauer aufstößt, denn nicht jeder SMer hat Leidensdruck und vielen von uns geht es gut. Mentoring ist dabei eine wichtige Sache, denn viele, die einen ersten Schritt in die Szene machen, können ihre Gefühle nicht zuordnen. Ich selbst bin übrigens auch im Mentoring tätig und möchte diese Gelegenheit nutzen, “euch” da draußen dazu anzuhalten, Kontakt zu mir aufzunehmen, mir eure Fragen zu stellen und – falls ihr das möchtet – um Rat zu fragen.

Ich habe mir für eine abschließende Beurteilung des Buches das Ende erzählen lassen: Sie ziehen zusammen, sie heiraten, sie schafft es, ihn zu “kurieren”. Liebe Leute, dieses Ende ist nicht realistisch. Jemand mit SM-Neigungen wird diese für eine gewisse Zeit vielleicht unterdrücken können, es wird ihn aber immer wieder einholen. Wichtig ist, sich dieser Tatsache bewusst zu werden und “richtig” damit umzugehen. Wichtig ist auch zu akzeptieren, dass nicht jeder heutzutage einen echten Fetisch haben muss und dass es nicht uncool ist, wenn man auf Blümchensex steht.

Perversion lässt sich nicht kurieren!

Hera Delgado

Aus der DD 02/15

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