Berlin bei Nacht VII

Die Geschichte des Rotlichtmilieus in Berlin
Teil 7: 1991 bis heute

Mit dem Zusammenwachsen des geteilten Deutschlands vergrößerte sich der Markt immens. Freiheit beim Reisen, schließlich die grenzenlosen Arbeitsmöglichkeiten der EU – der Konkurrenzdruck hat sich in den letzten Jahren immens erhöht und offenbart sich mit „flat-rates, two-for-the-price-of-one, or one minute for one euro“-Angeboten. Nach offiziellen Schätzungen (Studie des Berliner Studienkolleg, Tagesspiegel, 2011) verdienen rund 400.000 Menschen ihren Lebensunterhalt mit Sexarbeit, 1 bis 1½ Millionen Männer nehmen täglich (!) ihre Dienste in Anspruch, die Umsätze liegen in zweistelliger Milliardenhöhe. Neu ist, dass auch 7% der sich Prostituierenden Männer sind und 3% „Transgender“-Angehörige, deren Geschlecht nicht eindeutig einzuordnen ist („Amnesty für Women“-Studie).
Der Traum vom großen Geld bleibt dabei oft unerfüllbar: Das Monatseinkommen einer Prostituierten liegt durchschnittlich bei 1.500 Euro, obwohl eine Liebesdienerin ihrem Zuhälter meist um die 100.000 Euro im Jahr einbringt. Zwar erscheinen die Einkünfte insgesamt beträchtlich, in Realität sind die Umsätze jedoch stark gesunken. Hydra-Mitarbeiterin Marion Detlefs erklärt das so: „Es ist immer weniger Geld im Umlauf. So muss für sinkende Preise immer mehr geboten werden“. Das Gewerbe kämpft schließlich auch mit Seitensprungagenturen und Swingerclubs, die ausgefallenen Sex mit vielen Partnern für wenig Geld propagieren, sind preiswertere Alternativen für viele Nachtschwärmer. Des Weiteren hat sich die Zahl der Migranten unter den Prostituierten nach der Wende deutlich erhöht. Die meisten kommen aus Thailand, dann aus Polen, Bulgarien, Rumänien, Russland. Aber auch Tschechien, Ungarn, Weißrussland, Moldawien, Russland, Kasachstan oder Usbekistan sind Herkunftsländer vieler Prostituierter.
?????????????????????In Schöneberg klagen die „alteingesessenen“ Straßenhuren der Potsdamer Straße über Bulgarinnen und Rumäninnen, die mit Gewalt versuchen, erstere zu verdrängen. Nur noch Stammkunden würden den Berlinerinnen über die Runden helfen. Sogar für fünf Euro solle die internationale Konkurrenz arbeiten und tabulos alles anbieten, oft auch ohne Schutz. Drogenbeschaffungsdruck und Elendsprostitution liefern sich hier ein Kopf-an-Kopf-Rennen, bestätigen auch die Streetworker. Am berüchtigten Bahnhof Zoo sind heute auch nur noch Ausländer, oft Romas und Stricher zu finden, wenn sie nicht gerade von den harten Kontrollen der Security-Firmen vertrieben wurden. Viele Prostituierte drängen raus aus dem Straßensumpf; es arbeiten nur etwa 13 Prozent noch auf der Straße. (Großraum-)Bordelle mit phantasievollen Liebeskulissen, diskrete Privat-Wohnungen und Escorts stellen heutzutage die Büros der Prostituierten dar. In Zeiten des Internets können Interessierte vorher gratis und bequem von zuhause Lokalität, Klientel, Preise, Atmosphäre, Mädchen und angebotene Serviceleistungen miteinander vergleichen. Spezialisierungen in bestimmte sexuelle Bereiche sind Pflicht, um aus der Masse herauszustechen, außerdem bieten Laien, sogenannte „Taschengeld“-Jungs und –Mädchen hier einfach ihre Dienste an. Ein weiterer Ausblick der Entwicklung des horizontalen Gewerbes sind besondere Zuwendungen für alte und/oder körperlich beeinträchtigte Menschen.
„In Berlin, you might meet a prostitute with a pHd” (dt.: „In Berlin könntest du eine Prostituierte mit Doktorabschluss finden“) hieß es letztens in einem auf der deutschen Welle veröffentlichten Artikel einer Touristin. Und ja, viele Studenten, ehrgeizige und clevere Frauen jenseits der Armutsgrenze, bieten ihren Körper heutzutage für Geld an oder können es sich theoretisch vorstellen, meist bei Escortagenturen, die für horrende Preise Managern die alte Illusion vom Gentleman verkaufen – Gespräche über die schönen Dinge des Lebens, ein offenes Ohr, bezahlte Essen und Reisen, nicht zu vergessen der Liebesakt nach gegenseitigem Gusto.
Seit 2002 geht dies auch de facto rechtlich, sogar auf Steuernummer mit angemeldetem Gewerbe, sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung und mit Eintritt in eine Krankenversicherung. Als eines der ersten Länder ist in Deutschland rechtlich Prostitution nicht mehr sittenwidrig, legal. Der grün-rote Gesetzesentwurf, der für viel Aufsehen gesorgt hat, macht es der Polizei schwer, im Milieu zu ermitteln. Die Idee dabei war, Ausbeutung durch ein geregeltes Arbeitsverhältnis zu schmälern. Doch in der Praxis hat sich nicht viel geändert. „Da es eine große Fluktuation im Gewerbe gibt und die wenigsten Frauen bereit sind, mit ihrer bürgerlichen Identität eine Steuernummer zu beantragen, bleibt das Gewerbe im Zwielicht. Wenn man nicht mit einer Steuernummer arbeitet, dann kann man bei Problemen, beispielsweise bei Honorarverhandlungen mit dem Kunden, nicht die Polizei anrufen. Oder bei Gewaltübergriffen wagen es die wenigsten Frauen, die Polizei zu rufen. Denn das hätte ein Outing zur Folge, bei dem sie ihren Namen sagen müssten. Da stecken die Kolleginnen lieber einiges ein“, sagt Ariane, Akademikerin mit Abschluss in politischer Ökonomie und Prostituierte, zum WDR. 14.000 Frauen sind in Berlin gemeldete Prostituierte, Ariane schätzt die wahre Anzahl der Sexarbeiterinnen in Berlin jedoch auf etwa 34.000.
Der Bochumer Prostituiertenverein „Madonna“ bietet Einstiegshilfen ins Rotlichtmilieu an, nur noch 20 Prozent (laut Lea Ackermann, Vorsitzende des Frauenhilfswerks Solwodi) aller Deutschen halten Prostitution für ein Übel… Schöne freie neue Sexwelt? Mitnichten. Werbung für Bordelle oder eine Anmeldung als Gewerbe sind ausgeschlossen. Prostituierte werden immer noch diskriminiert und ausgebeutet. Das Thema wird in der Öffentlichkeit weiterhin so stark tabuisiert, dass die Scheinheiligkeit ihres gleichen sucht. Durch eingespielte Doppelleben vieler Prostituierter fällt der Ausstieg schwerer. Perverse Freier quälen Liebesdienerinnen physisch oder psychisch. Werbung für Bordelle oder eine gewerbliche Anmeldung von Sexclubs ist immer noch verboten. „Wellness-“ und „Massageeinrichtungen“ bieten verkappte „Entspannung“ etc.
Weitere Schritte zur Klärung des Status der Prostitution und ein Kollektives Umdenken sind also auch in Zukunft notwendig, um eine vollständige Akzeptanz zu erreichen und menschenunwürdige Behandlung von Prostituierten zu stoppen.

Aus der BIZ 06/12

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