Berlin bei Nacht VI

Die Geschichte des Rotlichtmilieus in Berlin
Teil 6: 1980 bis 1991

Sex Workers

Sex Workers

Die Achtziger Jahre waren eine ereignisreiche Zeit für die Prostitution allgemein und die Berliner Prostitution im Speziellen – Drogen, die neue Geschlechtskrankheit AIDS, Migrantinnenströme, Hausbesetzungen und Feministinnen bestimmten die Szene. Nie war das Vergnügungsgewerbe öfter in Presse und Sozialforschung vertreten, die Angst vor der Ansteckung beim Freiergang so groß, Liberalisierung und gesellschaftliche Ausgrenzung gleichzeitiger wie in diesem Jahrzehnt.
Die Lebensbedingungen von Sexarbeiterinnen wurden, v.a. durch das Engagement von Alice Schwarzer und ihrer feministischen Zeitschrift „EMMA“, einer breiteren Masse zugänglich, und, einmal in der Diskussion, in Medizin, Sozialarbeit und Politik ein Thema. Die ersten Vereine (1980 gründete sich der Berliner HYDRA e.V., ab 1985 wurde dieser kontinuierlich durch öffentliche Gelder gefördert) boten aktive Unterstützung für  Liebesdienerinnen und Aussteigerinnen. Vor allem die laut Gesetz illegalen Minderjährigen vom Babystrich wurden intensiv betreut, des Weiteren sich auf Beratung in Sachen Hygiene und Geschlechtskrankheiten konzentriert und diese mündlich und schriftlich weitergegeben. Auch Lobbyismus für eine gerechtere Hurenpolitik findet seit dieser Zeit statt, eine Änderung der Rechtslage konnte jedoch erst im 21. Jahrhundert erreicht werden. Obwohl Prostitution in vielen feministischen und grünen Soziokulturen nun als „natürlich“ galt und viele gegen die Doppelmoral und Behandlung der Huren als Menschen zweiter Klasse demonstrierten, kämpfte HYDRA für eine Sichtweise als „Beruf wie jeder andere“, EMMA dagegen kämpfte gegen die Prostitution an sich: Denn Prostitution zerstöre nicht nur Körper und Seele der sich prostituierenden Frauen, sie mache alle Frauen zum käuflichen Geschlecht.

Gleichstellung der Huren

Gleichstellung der Huren

Diese verschiedenen Tendenzen in der Gesellschaft wurden von dezidierten Statistiken und Untersuchungen des ehemaligen „Randthemas“ gestützt, Rose-Marie Giesen, Gunda Schumann und Dorothea Röhr sind nur einige Beispiele für die vorurteilslose und wissenschaftliche Beschäftigung mit der Prostitution. Ihre Berichte ergaben, dass z.B. 1986 offiziell 200.000 in der BRD (inkl. Westberlin), man jedoch inoffiziell mit mindestens 400.000 Dirnen rechnen musste. Nur ein Bruchteil war bei Polizei oder Gesundheitsamt registriert. 1988 gab es 2500 West-Berliner Huren. Jede Dritte war beispielsweise in Frankfurt am Main bereits Ausländerin. Die Berechnungen der Journalistinnen und Expertinnen ergaben, dass, wenn jede Prostituierte nur zwei Kunden am Tag hätte (in der Realität waren es bis zu 10), dann würden 400.000 Freier am Tag bedient werden. Wenn nur pro Hure 50 DM am Tag erwirtschaftet würde, mache das 20 Millionen Umsatz pro Tag (exklusive Zimmer und Getränkeausschank). Des Weiteren seien Frauen der Achtziger nicht mehr überproportional der Unterschicht zugehörig, sondern überdurchschnittlich oft in der oberen Mittelschicht angesiedelt und hätten ein relativ hohes Ausbildungsniveau (Röhr). Die Gründe dafür seien v.a. im Kapitalismusstreben, Schulden und Drogenmissbrauch zu finden, denn „Das Geld wirkt wie eine Droge. Wenn man einmal angefangen hat, kann man nicht mehr aufhören. Ganz am Anfang verdient man halt gut, da verdient jede gut. Da denkt man an nichts, da sieht man nur das Geld. Und durch das viele Geld, da denkt man nicht, was da sein könnte, die Nachteile, die es da gibt. Und jetzt kann man trotzdem nicht aufhören, eben weil man das viele Geld gewöhnt ist“, so eine Prostituierte zu Autoren Roland Girtler. Weitere Argumente sind für viele die freien Arbeitszeiten, die Bestätigung und für manche, v.a. für Dominas, die Befriedigung der eigenen Gelüste. Vor Familienmitgliedern, Freunden und Partnern würde Prostitution oft verheimlicht werden müssen, das „Aufhören“ fiele jedoch schwer, denn es fänden sich immer Gründe, warum man schnell Geld braucht.  Auf Dauer könnten die wenigsten Frauen können solch ein Doppelleben lange Zeit durchhalten und werden dadurch in die soziale Isolation gedrängt
Doch Schicksale wie das von Christiane F. in der äußerst erfolgreichen Biographie „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ rütteln viele auf, des Weiteren die Angst vor AIDS und die dadurch verschärften Gesundheitskontrollen. Diese sind auf Länderebene geregelt, im liberalsten Bundesland, West-Berlin, wo Sexarbeiterinnen verpflichtet sind, sich alle 14 Tage entweder beim Gesundheitsamt oder bei Privatärzt/inn/en untersuchen zu lassen. Da aber zwei der vier Berliner Gesundheitsämter die Kontrolle der Untersuchungsnachweise, die sog. „Bockscheine“, abgeschafften, beruhte die Untersuchung in den Achtziger Jahren auf Freiwilligkeit.
Hydra_WerbungIn West-Berlin (im Osten war Prostitution weiterhin offiziell verboten) unterlag das Rotlichtmilieu der Achtzigern starken sozialen, politischen und ökonomischen Veränderungen, z.B. wurden durch die Stadtsanierung West die Sitze traditionelle Institutionen wie das „Hotel Potsdam“ oder die „Bar Romantica“ abgerissen oder saniert. Dies zielte auf Imageverbesserung von einzelnen Straßenzügen ab. Sozialstadtrat Bürger von der CDU kommentierte 1985 im Tagesspiegel Bauarbeiten in Schöneberg so: „Die Potsdamer Straße soll auch sozial saniert werden“. Die Umwandlung von staatlichen zu privaten Mieteigentum Ende der 70er / Anfang der 80er führte außerdem zu langem Leerstand von Häusern in West-Berlin, die oft Besetzungen und Aufstände gegen Polizei mit sich brachten, in denen sich oft viele widersprüchliche Subkulturen wie Prostituierte Zuhälter, Rauschgifthändler, Asylanten, Hausbesetzer und Trebegänger Straßenschlachten lieferten.

Mehr u.a. zu finden in: Christiane Howe, „Nachbarschaften und Straßen-Prostitution“, http://www.tu-berlin.de/fileadmin/f27/PDFs/Forschung/Nachbarschaften_und_Strassen-Prostitution_Bericht.pdf (Stand: 14.07.2012), Reingard Jäkl, „Vergnügungsgewerbe rund um den Bülowbogen: Streifzug durch die Geschichte der Großstadt-Prostitution (Schöneberg auf dem Weg nach Berlin)“, hg. vom Bezirksamt Schöneberg, Kunstamt Schöneberg, 1987

Aus der BIZ 05/12

Sting & The Police „Roxanne“
(geschrieben 1979)

Roxanne
You don’t have to put on the red light
Those days are over
You don’t have to sell your body to the night

Roxanne
You don’t have to wear that dress tonight
Walk the streets for money
You don’t care if it’s wrong or if it’s right

Roxanne
You don’t have to put on the red light

I loved you since I knew you
I wouldn’t talk down to you
I have to tell you just how I feel
I won’t share you with another boy
I know my mind is made up
So put away your make up
Told you once I won’t tell you again
It’s a bad way

Roxanne
You don’t have to put on the red light
Roxanne
You don’t have to put on the red light

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