Sexualassistenz – die bessere Prostitution?

Kunden – Freier – Liebeskasper – die Namen sind vielfältig. Sie drücken (wie bei Hure, Prostituierte, Strichmädchen …) in erster Linie die gesellschaftliche Ambivalenz zum Thema Prostitution und den Beteiligten aus.

Nicht zum Ausdruck kommt, dass es sich um selbstbewusste, respektvolle und sogar lustvolle Interaktionen handelt

o    einer großen Gruppe,
o    von zumeist Männern,
o    die die Dienste von Sexworkern in Anspruch nehmen und
o    die zum großen Teil auch darauf angewiesen sind.

Obwohl ohne die Kunden in der Branche im wahrsten Sinne des Wortes nichts geht, hat sich diese bisher nicht mit einer Befragung oder Untersuchung mit ihnen auseinander gesetzt. Man könnte hier von anderen Branchen lernen: natürlich weiß Mercedes, was seine Kunden wollen und stützt sich dabei auf vielfältige Forschungen. Und ebenso macht es der Hotel- und Gaststättenverband oder die Versicherungsbranche. Die Prostitutions- und Erotikbranche hat dieses Feld bisher der Psychologie, Kriminologie, Sozial- und Politikforschung überlassen, die sich aber auch eher mit dem Thema schwer tut. Dabei kommen letzte wissenschaftliche Forschungen übereinstimmend zu den Ergebnissen:
o    Kunden gibt es in jeder Altersgruppe,
o    Kunden leben in allen möglichen Beziehungen,
o    Kunden haben Kinder,
o    Kunden sind in allen Einkommensgruppen vertreten,
o    Kunden gehören allen Religionen an oder sind konfessionslos,
o    Kunden stehen allen politischen Parteien nah oder sind hier als Mitglieder engagiert,
o    Sie zeigen politisches und soziales Interesse und lieben Freizeitaktivitäten.
= Jeder Mann könnte ein Kunde von Prostituierten sein.

Diese Ergebnisse decken sich mit Selbstaussagen von Kunden in Foren und in entsprechenden belletristischen Publikationen. Von einem Zusammenschluss von selbstbewussten Kunden und politisch-öffentlichem Eintreten für ihr Recht auf PaySex kann jedoch nicht die Rede sein. Sie sind quasi „unsichtbar“, wie auch die Sexarbeiterinnen.

Eine bestimmte Gruppe von Kunden macht dagegen in letzter Zeit mehr und mehr auf sich aufmerksam:
Ältere, pflegebedürftige und behinderte Männer. Sie waren schon immer Kunden von Prostituierten. Sie stellten zwar nie eine große Gruppe dar, aber sie waren durchaus ein geliebtes und geachtetes Klientel – wobei sie in den Bordellen erschienen oder sich zuhause, auch im Senioren- und Behindertenheim, besuchen ließen: diskret, anonym und meist unerkannt von ihrem Umfeld.

Und seit einiger Zeit ist zu beobachten, dass Angehörige und Pflegepersonal zunehmend auf die Dienste von Sexarbeiterinnen zurückgreifen, weil z. B.
o    der Bewohner unruhig ist und deutlich sexuelle Bedürfnisse äußert,
o    der Bewohner durch die nicht ausgelebte Sexualität aggressiv und sexuell übergriffig wurde,
o    der Bewohner nachts unruhig umherläuft und zu Bewohnerinnen ins Bett schlüpft.

Diese Situationen bringen Unruhe und Probleme in den durchstrukturierten Pflegealltag. Das Umfeld muss aktiv werden. Es treten ggf. das Pflegepersonal, die Angehörigen und die amtlichen Betreuer auf den Plan, denn auf eine Lösung durch Medikamente, die den Sexualtrieb unterdrücken, will man immer weniger zurückgreifen. Im Idealfall nehmen sie Kontakt mit einer Sexarbeiterin oder einem Bordell auf und organisieren einen Heimbesuch.
In diesen Fällen hat die Sexarbeiterin es also nicht nur mit dem Kunden allein zu tun. Oft sind ausführliche Gespräche mit den Angehörigen erforderlich, weil
o    die Kinder ihre Eltern bisher nur als asexuelle Wesen sehen wollten,
o    ihnen die Worte fehlen, um die sexuellen Wünsche zu erfragen,
o    Sexualität allgemein mit einem großen Tabu belegt ist und sich die Angehörigen schämen oder scheuen darüber zu reden,
o    sie Angst um eigene finanzielle Verluste haben: sie erhalten weniger Zuwendungen, das Erbe schmilzt, weil die sexuellen Dienste ja Geld kosten oder
o    sie eigene moralische Maßstäbe ansetzen und die Dienste von Prostituierten für sich selbst ablehnen.

Mit all diesen Aspekten beschäftigen sich natürlich auch die Heimleitung, die Stationsleitung und das jeweilige Pflegepersonal. Aber die Tendenz ist klar:
Die demographische Entwicklung hinterlässt auch hier ihre Spuren: wir Menschen werden allgemein älter und bleiben in allen Lebenslagen länger aktiv, gerade auch in sexueller Hinsicht. Und wir sind uns unserer Bedürfnisse und Rechte bewusst: Intimität und Sexualität gehören zum Menschsein wie Essen und Trinken, machen glücklich, mobil und aktiv, bauen dem Alterungsprozess vor und docken an vergangene Erfahrungen an. Natürlich kann dies alles ausgelebt werden mit einem Ehemann bzw. einer Ehefrau. Es lassen sich auch neue Partnerschaften finden, aber nicht immer. Und in vielen Fällen ist die Dienstleistung einer Sexarbeiterin oder einer Sexualbegleiterin eine gute Alternative. Und es scheint, als wenn alle mit der Lösung zufrieden sind, weil
o    offen und nicht versteckt agiert wird?
o    auch das Umfeld von der Zufriedenheit und Ausgeglichenheit der Bewohner profitieren?

Inzwischen bin ich Senioren begegnet, die ihrem Bedürfnis nach Sexualität nur Ausdruck verleihen konnten, indem sie Pflegerinnen und anderen Bewohnerinnen in die Brust kniffen.
Und ich habe mit PflegerInnen gesprochen, die ohnmächtig vor solchen Situationen standen und in der Ausbildung und dem Kollegenteam kaum Unterstützung erhalten, alle Attacken und Handlungen auf sich persönlich beziehen, als sexuelle Übergriffe bewerten und sich weigern, damit umzugehen.
Ich habe Angehörige kennengelernt, die den Kauf von Cola als wichtiger erachteten als eine zu bezahlenden sexuelle Dienstleistung, die sich der Bewohner sehnlicher wünschte, aber an der „Entscheidungsgewalt“ des „amtlich bestellten Betreuers“ nicht vorbei kam.
Aber ich habe auch die Verwandlung meiner Kunden erlebt: sie freuen sich auf meinen Besuch und unsere gemeinsamen Aktivitäten. Sie wissen, ich bin die richtige Person, wo sie ihre sexuellen Bedürfnisse ausleben dürfen und nicht anecken. Sie leben wieder auf, sind zufriedener und nehmen wieder teil an anderen Aktivitäten des täglichen Lebens.
Und mir als „Sexualbegleiterin“ begegnet man mit größerem Respekt und Anerkennung als allgemein einer Prostituierten. Obwohl es keinen Unterschied gibt!

Stephanie Klee/highlights-Agentur
http://www.roter-salon.highlights-berlin.de

Aus der BIZ 06/13

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