Der britische König der Pornographie

Paul Raymond, bürgerlich eigentlich Geoffrey Anthony Quinn, 1992 der reichste Mensch des United Kingdoms, war ein umstrittener Geschäftemacher. Er baute sein Imperium aus Geld, das er mit  Nacktshows verdiente, kaufte fast alle Immobilien im Londoner Bezirk Soho auf und war der Herausgeber von beliebten Pornographie-Zeitschriften wie „Men Only“.
Michael Winterbotton, der Regisseur von „The killer inside me” und „Ein mutiger Weg”, hat mit „The Look of Love“ eine solide Biographie über Raymond gedreht, allerdings mit Schwächen.

Steve Cogan als Paul Raymond in „The Look of Love“

Steve Cogan als Paul Raymond in „The Look of Love“

Als „the king of keyhole“, zu deutsch, „der König des Schlüssellochs“, wurde er bekannt. 1958 gründet der Dreißigjährige mit dem „Raymond Revuebar Strip Club“ dem ersten Stripclub Großbritanniens. Die Nacktmodels dürfen sich damals noch nicht bewegen, da ein Gesetz dies unterband. Raymond inszeniert sie einfach als Statuen, das Publikum liebt es, die Mitgliedszahlen des Clubs explodierten auf 45.000 Menschen.

Winterbottom zeigt den rasanten Aufstieg des mutigen Unternehmers wie das Märchen vom Tellerwäscher zum Millionär. Er blendet dabei leider die frühen Jahre des jungen Nylonverkäufers, der sich vor einer Gefängnisstrafe wegen einer angeblichen Herzschwäche drücken kann, aus, und steigt gleich in die Rotlicht- und Showszene Londons ein. Die Rahmengeschichte, die sich in Farben von der in schwarz-weiß gedrehten Vergangenheit unterscheidet, deutet in die ferne Zukunft, in der Raymond nach der Überdosis seiner Tochter ein gebrochener Mann sein wird. Somit ist der scheinbar glänzende Weg Raymonds bereits vorgezeichnet. All der Glam und Glitter, der Kleinjungentraum eines Lebens zwischen perfekten, nackten Schönheiten, Geld, Prestige, Macht, Sex und Drogen – mit deren Zuschaustellung der Film beileibe nicht spart, um einen nostalgischen Rückblick in die Swinging Sixties und Seventys zu bekommen – nutzt dem Protagonisten später nicht mehr, da er die wichtigste Person in seinem Leben auch aufgrund eigenen Verschuldens verliert.

Steve Cogan, Lieblingsdarsteller von Winterbotton, zeigt einen harten und cleveren Geschäftsmann, der früh das Potential seines Viertels erkennt und als Immobilienhai nutzt. Er demonstriert überzeugend einen schlechten Familienvater, einen brillanten Förderer der Pornographie mit heftig-ästhetischen Fotoserien in von Männern begehrten Hochglanzmagazinen und skandalösen Showentwürfen auf der Bühne, der gewieft immer wieder den Gesetzen entkommt. Er stellt aber auch die Einsamkeit des Lebemannes dar, der sein Bett viel zu groß für sich allein findet.

Der Fokus des Films liegt auf der fragilen Beziehung zwischen Deborah, seiner Tochter, und Raymond. Das verwöhnte Kind, wegen eines Joints frisch aus dem Internat geworfen, träumt von einer Showkarriere und lässt sich dabei gern von Papi helfen. Doch ihr Gesangstalent ist fragwürdig und trotz aller finanziellen Spritzen kommt der große Durchbruch nie. Frustriert teilt sie in das sorgenlose Leben ihres Vaters, bestimmt von Orgien, Kokain und der Anerkennung seines Verdienstes. Raymond greift dabei nicht ein. Nach einer Überdosis stirbt sie Anfang der neunziger Jahre.

Die Spannungskurve des Plots von „The look of love“ ist recht flach und durch Vorausdeutungen noch mehr geebnet. Trotzdem ist die wahre Geschichte von Paul Raymond interessant und der Film berührt trotz Längen in der Mitte. Dies ist den herausragenden Schauspielleistungen von Cogan, aber auch Anna Friel, Imogen Poots und Tamsin Egerton zu verdanken, denn ohne sie hätte das Biopic schnell in Richtung Klischeezurschaustellung eines erfolgreichen „Bad Boys“ in einer glamourösen Epoche abrutschen können. Die Detailliebe des Regisseurs wird in den schillernden Kostümen und Ausstattungen des Sets bewiesen, schnelle Schnitte geben Einblick in die Arbeit des professionellen Publishers. Brüste und Hintern werden immer wieder makellos in Szene gesetzt.
Der Film vereint viele Erzählstränge und Ereignisse in Raymonds Leben, manchmal zu viele, in rasantem Zeitraffer werden immerhin fast vierzig Jahre Leben erzählt. Was hängen bleibt? Raymond wiederholt ständig, Ringo Starr von den Beatles habe seine Wohnung designt – Einige Dialoge sind durch den äußerlich permanenten Triumph des Alphatierchens Raymond schlichtweg öde.

Wirklich gut gelungen in der Darstellung hingegen sind die moralischen Fragen, die die Spannungen im Privatleben Raymonds aufwerfen. Ist es richtig, dass Raymond seine Frau und Kinder für das heiße Model Fiona Richmond verlässt? Bereut er diese Entscheidung später? Führt nur der unstete Lebenswandel ihres Vaters zu Deborahs Drogenabhängigkeit? Hat Raymond nach deren Überdosis aus seinen Fehlern gelernt oder wird er seinen Enkelinnen auch die Welt zu Füßen legen? Warum ist das Verhältnis zwischen seinen Söhnen und ihm so gespannt?
Ohne von vorhinein zu werten, reißt Winterbottom sensibel viele Facetten einer zerstörten Familie an und sorgt für tiefgründige Momente. Die durchweg gut gecasteten Schauspieler können diese auch glaubhaft vermitteln. Ein bisschen mehr davon, ein bisschen mehr Ganovenaugenzwinkern statt Feierdebilität und ein bisschen weniger Standard-Rock’n’Roll und schon wäre ein besserer Film herausgekommen, der auch nicht so sehr von Kritikern und Publikum zerrupft worden wäre.

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