Hier wird der Porno gefeiert…

Copyright: PornFilmFestival 2011

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Seit sechs Jahren kann man einmal im Jahr in Berlin etwas wichtiges über Pornografie lernen. Sie dient nicht nur größtenteils als Vorlage für einfühlsame Selbstbefriedigung, nein man kann den Porno auch feiern, man kann über ihn diskutieren, ja sogar von ihm lernen. Ambitionierte Filmemacher aus aller Welt greifen zwischenmenschliche oder auch gesellschaftliche Tabu-Themen auf und kombinieren diese in aufwendig gedrehten Filme mit erotischen bis hin zu pornografischen Bildern. Jürgen Brühning und Claus Matthes haben für diese Art von Filmen eine Plattform gegründet: Willkommen zum Porn Filmfestival in Berlin Kreuzberg.

Im ältesten Kino Deutschlands „Moviemento“ laufen vier Tage lang non-stop die pornografischen Werke junger so wie auch altbewährter Filmemacher. Wenn man jemandem erzählt, man besuche am Wochenende das Porn Filmfestival wird man garantiert mit gerunzelten Stirnen und fragenden Blicken bombardiert. Aber wird man selber einmal Zeuge von diesem Spezial Event, dann erfährt man hier kulturelles Gut mit provokanter Note.

Copyright: PornFilmFestival 2011

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Allein schon das Publikum, das die Veranstalter auch ansprechen möchten, geht nicht mit dem Ziel, den eigenen Trieb zu besänftigen, ins Kino. Hier wird die Pornographie als reine Kunstform betrachtet. Schon in den ersten Minuten eines Films macht sich bemerkbar, dass man keinen normalen Mainstream-Fließband-Porno vorgesetzt bekommt. Authentische Schauspieler lassen einen manchmal vergessen, dass es zwischendurch sehr offenherzig zur Sache geht. Und somit ist die Provokation in diesem Moment perfekt, die Zuschauer lassen sich darauf ein, sitzen still auf ihren Plätzen und schauen sich gemeinsam einen 90-minütigen Film an. Männer sowie auch Frauen, die im Publikum sitzen und gebannt auf die Leinwand starren. Sie lachen, sie staunen, sind verwundert. Das, was sonst nur angedeutet wird, zeigen die Filmemacher wie „Inside Flesh“, Jürgen Brühning, Tristan Taormino oder der in der Queer-Scene schon legendäre Bruce LaBruce ungeschnitten in ihren Spiel- oder auch Dokumentarfilmen.
Eines der Highlights auf dem diesjährigen Festival war das Werk „Fucking Different XXX“. Hier haben sich gleich mehrere Filmschaffende ans Werk gemacht, einen wirklich außergewöhnlich Film zu gestalten, der einem normalen Besucher ziemlich viel abverlangt. Die Filmemacher Jürgen Brühning, Bruce LaBruce, Emilie Jouvet, Manuela Kay,  Kristian Petersen, Maria Beatty, Courtney Trouble und Todd Verow haben einen Episodenfilm gemacht, in dem jeder Regisseur einen Film über das andere Geschlecht drehte. Hierbei geht es um die Schwulen- und Lesbenszene, beispielsweise dreht eine Frau eine Szene in der sich schwule Männer gegenseitig Fisten. Keine harte Männer-Action, sanfte Bilder, romantischer Flair und eine Faust im Allerwertesten. Das Ergebnis ist dann eine romantische Fist-Szene zwischen Männern, die für einen hetero Besucher anfangs gewöhnungsbedürftig sein könnte.

Copyright: PornFilmFestival 2011

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Die Besucher lassen sich auf alles ein und feiern das Endresultat mit Applaus und Jubel. Das Ensemble, das diesen Film realisierte, versammelt sich nach der Vorstellung vor der Kinoleinwand, um den Zuschauern Rede und Antwort zu stehen.
Ein weiterer Pflicht-Termin ist der Kurzfilm-Wettbewerb, wo jeder mitmachen kann. Vorausgesetzt er hat den Film rechtzeitig zum Abgabe-Termin bei den Veranstaltern eingereicht. Diese entscheiden dann ob der Film für das Festival geeignet ist oder nicht. Hier vermischen sich bekannte und hochkarätige Profis aus der Szene mit Einsteigern und junge Menschen, die sich mit der Materie Porno ausprobieren möchte. Sowie auch Jan Soldat: Der junge Regisseur hatte letztes Jahr gewonnen. Mit wenig Aufwand drehte er seinen Kurzfilm „Endlich Urlaub“. Ein dicker Mann in einer Plattenbau Wohnung verbringt seinen freien Tag, in dem er sich Dildos einführt, onaniert oder auf sich selbst uriniert, während er in der Badewanne sitzt. Kein Dialog, keine Musik. Diese Situationen, die triste Atmosphäre und der klug gewählte Titel des Films, haben neben großen aufwendigen Produktionen aus Übersee bestanden.
Und auch dieses Jahr war die Mischung der Filme wieder bunt und abwechslungsreich. Von animierten Geschöpfen bis hin zu Latex Fantasien wurde alles geboten. Selbst ein Film über einen krankhaften Pornokonsumenten wurde gezeigt. Für jeden Geschmack war etwas dabei.
Zwischen den Filmen kann man sich in der Bar stärken und mit den Künstlern sogar selber noch ein paar Worte wechseln. Anlässlich des Festivals ist auch das Kino in den Innenräumen dementsprechend dekoriert. Diverse Gemälde mit pornografischen Bildern schmücken die inneren Hallen des Moviementos.
Ein Erlebnis sind definitiv auch die angebotenen Workshops der Filmemacher. Beispielsweise konnte man bei der feministischen Filmemacherin Jennifer Lyon Bell sich Tipps und Ratschläge holen, wie man am besten einen vernünftigen und guten Lesben-Film dreht. Auch ein Bondage-Workshop wurde angeboten. Hier kam das Publikum nochmal der Materie näher, sie interagierten mit dem Thema Pornografie. Die meisten, mit denen wir sprachen, hätten nie gedacht, dass sie einmal mit dem Thema Sex so in Berührung kommen. Aus reinem Interesse lernen die angemeldeten Zuschauer für den Bondage-Workshop, wie man mit der Fesselkunst „Shibari“ und dem nackten Körper des Partners neue Wege der Sexualität beschreitet.
Ein Fisting-Workshop wurde ebenfalls angeboten. Leider konnten wir durch das hiesige Programm nicht überall sein, aber nächstes Jahr lassen wir uns das nicht entgehen.
Auch ein Diskussionspodium gab es wieder, in dem die Filmemacher und Veranstalter über aktuelle Themen der Szene redeten. Dieses Jahr ging es um den Mainstream und Erfolg der Lesbian Movies. Für viele Untergrund-Regisseure mit viel Erfahrung auf dem Gebiet kann das gute Umsätze bedeuten. Inwiefern werden dann die Filme noch aus reiner Passion zur Sexualität und der Kunst gedreht? Auch bei solch einer Runde konnte man sich (an)melden und mitreden. Interaktivität, wo man hinschaute…  Und das alles noch mit wirklich humanen Preisen für die Tickets oder auch Workshops.

Am Abend wurde dann gefeiert. Das Porn Filmfestival macht einfach nur Riesenspaß. Man lernt wirklich neue interessante Menschen mit den verschiedensten Sichtweisen kennen. Für uns von BERLINintim war es mehr als eine Bereicherung. Wenn man sich für Kunst und Sex interessiert, aufgeschlossen mit dem Thema umgehen kann und sich qualitativ hochwertige Sex-Filme anschauen mag, der sollte sich nächstes Jahr im Kalender schon mal den Oktober mit einem dicken Penis markieren. Denn dann findet das siebte Porn Filmfestival wieder statt und wir sind garantiert wieder mit dabei.

Aus der BIZ 01/12

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