Berlin bei Nacht V

Die Geschichte des Rotlichtmilieus in Berlin
Teil 5: 1960 bis 1980

Beate Uhse mit Söhnen

Beate Uhse mit Söhnen

Mit der Stabilisierung der deutschen Wirtschaft gab es in der gesamten Bundesrepublik einen Aufschwung des Rotlichtmilieus. Dieses scheinbare Paradoxon – waren doch Zeiten der Elendsprostitution vorbei, aber Sexarbeiterin immer noch ein Massenphänomen – erklären Sexualwissenschaftler mit  der ökonomischen Logik der Prostitution, welche durch höhere Lohnniveaus nicht außer Kraft gesetzt wird. Das heißt nach Tamara Domentat explizit, dass „mit der Schaffung von Arbeitsplätzen zwar insgesamt weniger Frauen der Prostitution nachgingen, aber die so verursachte Knappheit an Sexarbeiterinnen den Wert und Preis der Dienstleistung in die Höhe trieb, was den Frauen wiederum einen finanziellen Anreiz bot, Sex gegen Geld zu tauschen“.
Die wachsende Konsumgesellschaft begann in den 60ern und 70ern, Sexualität als Ware zu postulieren. Insbesondere durch die „Automobilisierung“, die auch ländlichere Bereiche erreichte, und mit der Ausbreitung von Vermittlungsorganisationen und Callgirl-Agenturen und freizügigen Inseraten in Zeitungen blühte das Geschäft mit der Lust auf. Die „Angebotspalette“ wies Schattierungen von Edel- zu Billigprostitution auf, in Bordellen, Autos, Privatwohnungen, Hotels. Sobald Fernreisen im auflebenden Tourismus in der BRD erschwinglich wurden, kamen die ersten  importierten Asiatinnen in deutsche Bordelle. Zudem wurde Beschaffungsprostitution mit der beginnenden Ära der Betäubungsmittel ein Thema. Dies brach ironischerweise oftmals traditionelle Luden-Huren-Beziehungen auf und trug somit zur Emanzipation der Dirne bei, da das umgesetzte Geld lieber in Drogen als in männlichen Schutz umgesetzt wurde.
Des Weiteren spielten im Zuge der sexuellen Liberalisierung viele Liebespraktiken, die vormals als „pervers“ galten, im Rotlichtviertel nun eine entscheidende Rolle. Ein allgemeiner freierer Umgang mit dem Thema männlicher und weiblicher Sexualität, der spätestens seit der 68er-Bewegung manifestiert wurde, schuf dazu eine mentale Grundlage. Sowohl Bücher wie Günter Amendts „Sexfront“ (1970) und Reimut Reiches „Sexualität und Klassenkampf“ (1968), sehr offenherzige Filme wie „Der letzte Tango in Paris“ mit Marlon Brando von 1972 als auch der weitere Siegeszug der Beate Uhse-Aufklärungswelle (dem 1962 in Flensburg erstmalig eröffneten Beate Uhse-Sexshop folgten im Laufe der Zeit 270 Läden zur Körperhygiene in zwölf Ländern) trugen mit den wilden Studenten-Kommunen zur allgemeinen Sexbegeisterung bei. Der selbsternannte Sexapostel Oswalt Kolle dozierte munter mit pädagogisch-wertvollen Aufklärungssendungen im TV. „Im ganzen Land war man fasziniert vom Ehebruch, Sexbesessenheit wurde zu einer respektablen Freizeitbeschäftigung“ und die gesamte BRD hätte sich in einen Vergnügungspalast verwandelt, der einen „unglaublichen Hunger nach Pornographie“ hatte, konstatierte die Geschichtswissenschaftlerin Dagmar Herzog zusammenfassend.
Dies alles änderte jedoch nichts an der gesellschaftlichen Abseitsstellung der Prostitution. Reaktionäre Bestrebungen machten die Gesetzeslage unübersichtlich  und errichteten ein Behördendurcheinander. So degradierte 1965 ein Richterurteil Prostituierte zu sittenwidrigen Berufsverbrechern. Dies zog eine u.a. bis heute übliche Verschleierung des Gewerbes nach sich: Callgirl-Agenturen wurden Modell-Agenturen, ein FKK-Club wurde zum Römerbad und Frauen inserierten mit symbolhafter Sprache in Zeitungen, die der Eingeweihte verstand und die dem braven Bürger nicht auffiel.
In der DDR wurde ab 1968 die Prostitution verboten und konnte mit Gefängnis bis zu fünf Jahren geahndet werden. Außerdem wurden Förderung und Ausnutzung der Prostitution bestraft. Insbesondere in Devisenhotels wurden Huren jedoch bewusst geduldet. Nachweislich wurden sogar von der Stasi seit 1970 ein Teil der Prostituierten zur Informationsbeschaffung auf westliche Geschäftsmänner angesetzt.
Berlin nahm in den 60er und 70er Jahren aufgrund seiner Insellage wieder seine Sonderposition ein: Keine Sperrbezirke und Toleranzzonen dämmten eine Ausbreitung des Milieus ein, die Polizei und Gesundheitsämter verfuhren mit der Thematik relativ liberal und setzten auf Kooperation und Kontrolle anstatt auf Vertreibung. Das führte dazu, dass sich hier keine Laufhäuser, geschlossene Bordellstraßen oder Straßenprostitution an unzugänglichen Autobahnauffahrten entwickelten. Hier wurde der Grundstein der späteren Debatte um Anerkennung der Prostitution als Beruf gelegt, hier verteilten sich das horizontale Gewerbe in kleinen Portionen über die ganze Stadt. Neu im Stadtbild waren jetzt die drogensüchtigen, oft minderjährigen Sexarbeiterinnen um den Bahnhof Zoo.

Zum Weiterschmökern für Interessierte empfiehlt BERLINintim: Dagmar Herzog: „Politisierung der Lust: Sexualität in der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts: München, Siedler Verlag, 2005 , Tamara Domentat : „Lass dich verwöhnen“ 2003 Aufbau Verlag Berlin.

Aus der BIZ 04/12

Eine Animierdame stößt Bescheid

1) Ich sitze nachts auf hohen Hockern,
berufen, Herrn im Silberhaar
moralisch etwas aufzulockern,
ich bin der Knotenpunkt der Bar.

Sobald die Onkels Schnaps bestellen
rutsch ich daneben, lad mich ein
und sage nur: „Ich heiße Ellen!“
Laßt dicke Männer um mich sein.

Man darf mich haargenau betrachten.
Mein Oberteil ist schlecht verhüllt.
Ich habe nur darauf zu achten,
dass man die Gläser wieder füllt.

2)  Wer über zwanzig Mark verzehrt,
der darf mir in die Seiten greifen
und, falls er solcherlei begehrt,
mich in die bess´re Hälfte kneifen.

Selbst wenn mich einer Hure riefe,
– obwohl ich etwas Bess´res bin –
das ist hier alles inklusive,
und in den Preisen schon mit drin.

3)  So sauf ich Schnaps im Kreis der Greise.
Und nenne dicke Bäuche: Du.
Und höre gegen kleine Preise
der wachsenden Verkalkung zu.

Und manchmal fahr ich dann mit einem
der Jubelgreise ins Hotel.
Vergnügen macht es zwar mit keinem
– es lohnt sich aber finanziell!

Falls einer freilich glauben wollte,
mir könne Geld im Bett genügen,
also, wenn ich die Wahrheit sagen sollte:
müßt ich lügen…

Text: Erich Kästner
Musik: Bert Grund

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