Berlin bei Nacht IV

Die Geschichte des Rotlichtmilieus in Berlin
Teil 4: 1945 bis 1960

1950 Berlin HeringsdorfNach Ende des zweiten Weltkrieges gab es aus finanzieller Not eine starke Tendenz zur Massenprostitution. In den Nachkriegs-Hungerwintern blieb den unzähligen Witwen, den besitzlosen Frauen mit verschollenen Ehemännern gar nichts anderes übrig, als ihren Körper zu verkaufen, um sich selbst, ihren Kinder und Angehörigen die Existenz zu sichern. In den Ruinen der zerbombten Häuser wurden oft in den Kellerräumlichkeiten Männer empfangen, meist waren Soldaten der Besatzungsmächte Kunden. Allerdings konnten in Berlin auch offizielle Bordelle und Schlangen von Frauen vor den Kasernen zu finden sein. Trotz Fraternisierungsverbot im amerikanischen Militär wurde von oben nicht dagegen eingegriffen, da Vergewaltigungen verhindert werden sollten. So waren „Ami-Liebchen“ und „Tommybräute“ gang und gebe.
Aushängende Steckbriefe von Frauen als „Ansteckungsquelle“ von Geschlechtskrankheiten waren nur ein Auswuchs dieses großen sozialen Problems. In den US-Kasernen gab es teilweise bis zu 50 Prozent erkrankter GIs. Als präventive Maßnahmen wurden Kondome verteilt und Lehrbroschüren wie 1950 Veronika Dankeschön„Veronika Dankeschön“ – so nannten die US-Amerikaner sich hingebende Frauen scherzhaft ob ihrer Gier an Nylonstrümpfen, Konservendosen und Geld. 2.000 – 3.000 Kinder dieser Zeit wiesen einen US-amerikanischen Vater auf, jedes 6. Kind hatte einen unbekannten Erzeuger.
Aufgrund schlimmster wohnlicher Bedingungen brach die Tuberkulose wieder aus. Neugeborene, oft aus Vergewaltigungen oder Prostitution entstanden, wurden aus Verzweiflung getötet. Selbst wenn ein Familienvater aus Kriegsgefangenschaft zurückkam, war er meist durch die erlittenen (und begangenen) Kriegsgräuel stark depressiv und apathisch.
Durch eine verstärkte Zusammenarbeit von Gesundheits-, Jugendamt und Polizei versuchten die verbleibenden Behörden bis zur Entstehung des von Russen und Amerikanern geteilten Bi-Staates (1947) diese Missstände durch Razzien einzudämmen, ironischerweise sind jedoch genug Fälle bekannt, in denen ein Polizeibeamter selbst als Infektionsquelle ausgemacht werden konnte.
1950 Aktbild BerlinIntimAb 1948 wurde die katholische Kirche „zum Schutz der Sittlichkeit“ aktiv und inszenierte sich noch mehr als die evangelische Kirche als „Siegerin in den Trümmern“. Frauen seien der Garant für die sittlich-bürgerliche Ordnung und müssten am Hausfrauenideal festhalten, so diskreditierten die wetternden Pfarrer arbeitende Frauen allgemein und Prostituierte im Speziellen.
Während der Verkündung der Verfassung der Bundesrepublik Deutschland am 23.03.1949 der Siegeszug von Coca Cola seinen Lauf nimmt, deklamiert die DDR mit ihrer Volksrepublik mit einem Fackellauf in Berlin ihre marxistische SED-Identität.  Damit nimmt auch die Geschichte der Prostitution in Berlin zwei verschiedene Richtungen an.
Prostitution ist in der neuen Gesellschaftsordnung der DDR noch bis 1968 nur in der Nähe von Kirchen, Schulen, Kinder- und Jugendeinrichtungen verboten, Bordelle waren laut der Paragraphen 180 und 181 gesetzeswidrig. Die vorsätzliche Verbreitung von Geschlechtskrankheiten wurde mit bis zu drei Jahren Freiheitsstrafe geahndet. Des Weiteren wurden die rund 3.000 Prostituierten der Deutschen Demokratischen Republik als Personen mit „häufig wechselnden Geschlechtsverkehr“ (HWG) katalogisiert und später häufig zur Informationsbeschaffung benutzt. „Von der Prostitution haben in der DDR alle Beteiligten profitiert: die reichen Frauen, die zufriedenen Freier, der informierte Staat. So viel Zufriedenheit wird es in diesem Gewerbe wohl kaum jemals mehr geben“, konstatiert die Autorin Uta Falke. Trotzdem sei das Treiben unsichtbar geblieben, auf Hotels (Palasthotel, Hotel Metropol, Hotel Stadt Berlin) und Bars (Yucca-, Alibi-Bar) beschränkt, fährt sie fort. Seit Mitte der 50er leistete die DDR, der Sexarbeiterinnen nicht ins Bild der sozialistischen Frau passten, aktive Überzeugungsarbeit zu regulären Tätigkeiten, indem sie Prostituierte u.a. in „Heime für soziale Betreuung“ einwies. Trotz allem Bemühen konnte der „Nebenjob“ Prostituierte nicht abgeschafft werden.
Anders im westdeutschen Raum, in dem durch schneller wachsende Städte und Fabriken die Kommerzialisierung von Sex zunahm.

Den gesamten Artikel liest Ihr in der BIZ 03/12

Polly oder das jähe Ende
Sie war am ganzen Körper blond,
soweit sie Härchen hatte.
Bis zum Betthimmel reicht ihr Horizont,
ihre Seele war scheinbar aus Watte.

Sie griff sich an wie teurer Velour
von der allerzartesten Sorte.
Sie war ein waagerechte Natur
und marschierte am liebsten am Orte.
Sie hatte den Mund auf dem rechten Fleck
und viele andere Schwächen.
Sie war das geborene Männerversteck,
zerbrechlich, doch nicht zu zerbrechen.
Noch ehe man klopfte, rief sie: Herein!
und fand die Natur ganz natürlich.
Und manchmal wurde sie handgemein …
ich fürchte, ich bin zu ausführlich.

Wie dem auch sei, sie starb zum Schluß,
obwohl sich das nicht schickte,
bei einem komplizierten Kuß,
an welchem sie erstickte.

Das war sehr peinlich für den Mann.
Er pfiff, soviel ich glaube:
‚Rasch tritt der Tod den Menschen an!‘ –
Dann machte er sich aus dem Staube …

Erich Kästner, bekannter Gassenhauer der 50ger (ursprünglich 1929 geschrieben)

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