Duftgewitter & Geruchsorkane

?????????????????????????????????????????????????????????Eine Kolumne von Carola Güldner

Herber Duft, extra männlich. Einer von vielen, leicht zu übersehenden Werbeaufdrucken auf dem Duschgel fiel mir heute beim Baden auf. Interessant, wie ein lapidarer Satz mich beeinflusste: Kaum gelesen, schon mochte ich den Geruch nicht mehr.
Ich nehme mir viel Zeit im Supermarkt, an Shampoos, Duschgels, Badezusätzen, ja, selbst an Spülmitteln zu schnuppern. Im Gegensatz zu anderen Einkaufsprodukten ist mir der Geruchsfaktor fast wichtiger als der Geschmack von meinem Essen. Also hocke ich mich gelegentlich sogar zwischen die Regale und zelebriere eine private Genuss-Duft-Session.
Kleiner populärwissenschaftlicher Wikipedia-Einschub: „Der Geruchssinn ist bei der Geburt vollständig ausgereift. Eine weitere Eigenschaft des olfaktorischen Systems beim Menschen ist, dass es alle 60 Tage durch Apoptose erneuert wird. Dabei sterben die Riechzellen ab und werden durch Basalzellen erneuert. Die Axone wachsen dabei ortsspezifisch, das heißt die neuen Axone wachsen an die Stellen, die durch die alten frei werden.“
Bisher habe ich mich immer auf meine Nase verlassen können, ich landete eigentlich meinen Stimmungen oder jeweiligen Sexpartnern  entsprechende olfaktorische Treffer.
Da meine Ansprüche an die Körpermarkierungen auch etwas höher geschraubt sind als jene anderer Käufer, kommt es schon mal vor, dass ich unterwegs noch schnell eine Minitube Deo bei einer Drogeriekette hole und mich trotz gerade erfolgter Dusche geruchlich regeneriere.
Fakt eins: Ich arbeite und lebe mit mehreren Hunden, außerdem teilen wir unser Zuhause oft noch mit Katzen und gelegentlich unfreiwillig auch mit Mäusen.
Fakt zwei: Ich besitze eine Waschmaschine, aber die steht draußen und funktioniert somit nur bei Temperaturen über Null.
Fakt drei: Ich bin lesbisch und möchte nicht zu der Sorte frauenliebender männerunterhemdtragenden Frauen gehören, die durch ihren Bio- und „Anti-Konsum-Eifer“ auf Deos, Waschlotionen und Shampoos verzichtet.

Zurück zum Thema „männlich herb“. Also, mal abgesehen davon, dass man vielleicht auch nicht zu denjenigen gehören will, hinter deren Rücken sich die Kollegen die Nase rümpfen.
Am Ende geht es doch auch auf der Geruchsebene immer nur um das Eine: sexuelle Attraktion.
Und genau die verkaufen AXE & Co. ja gern mit dem explodierenden Marker, je männlicher, desto geiler. Jetzt „katapultieren“ sie mit ihrer neuen extra herben Produktreihe „Apollo“ die Jungs direkt „ins Zentrum des weiblichen Universums“.
Ahja. Wer wäre da nicht gern? Na gut, die Zickenkriegerinnen aus meinem Büro vielleicht nicht unbedingt, aber die Hälfte der Menschheit ganz sicher. Selbst die schwulen Jungs aus der Gartenlaube nebenan stehen nicht auf Moschus aus der Zirbeldrüse eines Ochsen, sondern auf den Duft, der sie in den 7. Himmel der Orgasmen saltoiert.
Bei ein paar im Netz gefundenen Tipps zu den besten Orten für einen gelungenen Quickie fand ich Vorschläge wie öffentliche Aufzüge, Badeplattformen, Geisterbahnen, Iglus. Kein Wort der Ratgeberin, dass die Auswahl des Ortes an zweiter Stelle rangiert. Zuvor steht bei jedem Date, dass ich den oder die Angebetete oder schnell zu Vernaschende gut riechen können muss.
Die Frage, ob „männlich herb“ nicht ein längst überholtes Klischee ist, stellt sich ziemlich schnell. Den Duft, der als erster mittels dieser Werbestrategie beschrieben wurde, nämlich auf den Flacons des Tabac-Rasierwassers, gibt es immerhin seit 1959!
Und wissen Sie was, geben Sie doch einmal „männlich herb“ bei der Google Bildersuche ein, Sie werden staunen: eine Bundeswehrtruppe mit weiblichen Mitgliedern, Krautsalat mit Peperoni, Haselnuss-Schokolade, ein Artikel über Mozarts Musik, eine Boygroup mit kaum noch als Jungs zu bezeichnenden Männern und nicht zuletzt ein Amulett mit Michael Jackson…
Wenn „männlich herb“ so inflationär missbraucht wird, wer will denn dann mit so einem Massen-Mensch-Haltungs-Geruch ins Rennen um die Attraktivitätsspitze gehen?

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