Die Deutschen und die Prostitution

Bordell-RazziaWenn die Wahlen vor der Tür stehen, bemühen sich Politiker, Ämter und auch die Medien um bleibenden Eindruck bei den Wählern, Mitbürgern und Lesern/Zuschauern. Am besten geht das, wenn man Themen anpackt, gegen die eigentlich keiner was sagen kann/darf. Egal ob die kritische Nachfrage berechtigt und diskussionswürdig ist oder nicht, man darf sie einfach per se nicht stellen…
Bestes Beispiel heute in der BILD.de. Dort liest der geneigte Leser folgende Headline: „Bordell-Razzia in Berlin“ und dahinter gleich der moralische Fingerzeig, gegen den man nicht vorgehen kann/darf:
„Dieser Polizei-Einsatz ist der Beweis, dass Prostitution kein normaler Beruf ist“

Aha…

Weil die Polizei (richtigerweise) gegen illegale Prostitution vorgeht, wird mal wieder sofort (fälschlicherweise) gegen die Prostitution an sich  geschossen. Dass im ersten Abschnitt des Artikels gleich steht, woher die Damen denn kommen („[…]in der Ecke junge Frauen aus Bulgarien und Rumänien…“), gegen die vorgegangen wird, stört den Autor nicht. Für ihn und die Grünen-Abgeordnete Anja Kofbinger (53), die in der BILD zitiert wird, ist die Prostitution wohl automatisch mit Menschenhandel gleichzusetzen. Das ist so intelligent, wie bei einer Polizei-Razzia auf der Baustelle gegen die Baubranche zu wettern und diese verbieten zu wollen, weil dort viele illegal arbeiten. Tut keiner, obwohl Monat für Monat  genügend „Sklavenarbeiter“ auf den deutschen Baustellen gefunden und wieder zurück nach Hause geschickt werden, weil es offenbar nicht ganz so schlau wäre…

Bei den Prostituierten geht das aber nicht, dass es Frauen gibt, die diesen Job aus dem gleichen Grund ausüben, aus dem wir unsere Jobs ausüben: um Geld zu verdienen. Wenn es das in der Prostitution gibt, dann ist es automatisch Menschenhandel und Zwangsprostitution… Dass sogar viele Frauen aus den osteuropäischen Ländern hierher reisen, um auf diese Art und Weise Geld zu verdienen, ist für viele ebenfalls nicht nachvollziehbar.

Fakt ist: Menschenhandel und Zwangsprostitution sind verboten. Gegen diese müssen die Exekutive und Judikative hart vorgehen, um dieses Übel zu bekämpfen und größtmöglich auszurotten.
Doch dass es Frauen gibt, die „das älteste Gewerbe der Welt“ freiwillig ausüben, geht nicht in den Verstand vieler Menschen!

Alice Schwarzer spricht bei „freiwilliger Prostitution“ von 10 % alle deutschen Prostituierten. Das wären bei den geschätzten Zahlen von 400.000 Prostituierten dann 40.000 Frauen, die diesen Job freiwillig ausüben!!!
Auch das „schwedische Modell“ wird von den Prostitutionsgegnern immer wieder gerne angeführt, um etwas zu beweisen, was vollends gescheitert ist (das sogenannte „Schwedische Modell“ hat die Prostitution lediglich nur ins kriminelle Milieu abgeschoben, wo es keine verlässlichere Zahlen mehr gibt. Hinzu sind die schwedischen Prostituierten zunehmend auf Zuhälter angewiesen, da sie ihre Freier nicht mehr alleine erreichen können). Im BILD.de-Artikel heißt es hierzu: „Erschreckend: Eine 2011 veröffentlichte EU-Studie belegt: In Deutschland ist der Markt für Prostituierte 60-mal größer als z. B. in Schweden. Dort ist Prostitution verboten. In Deutschland gab es 32 800 Menschenhandel-Opfer – rund 62-mal so viele Opfer wie in Schweden.“

Aha… Was für eine Studie?

Ganz andere Zahlen gibt es, wenn man andere Studien (vielleicht auch aktuellere und glaubwürdigere) zur Hand nimmt. Hier nur eine davon:

Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung
Lagebild Nordrhein-Westfalen 2012

Die Anzahl der Verfahren sank 2012 um 14,7 % auf 81 (95), obwohl die polizeiliche und ordnungsbehördliche Kontrolldichte bei Prostitutionsstätten mit insgesamt 927 Einsätzen erneut hoch war.

     2011                                        2012

Verfahren                                    95                                          81 (- 14,7%)

Tatverdächtige                          148                                        112 (-24,3 %)

Opfer                                          113                                          95 (-15,9 %)

Fazit (des Lagebildes)
Wesentlichen Einfluss auf die Verfahrenszahlen haben behördliche Aktivitäten/Kontrollen und das Anzeigeverhalten von Opfern/Dritten.
2012 führten die Polizei NRW und die Ordnungsbehörden insgesamt 927 Kontrollen durch. Für 2012 meldeten die Kreispolizeibehörden 812 Kontrollen (2011: 865), die sie initiiert hatten. Außerdem beteiligten sich die Polizeibehörden NRW 2012 an 115 Kontrollen (2011: 82) anderer Verantwortungsträger. Anzunehmen wäre, dass eine solche Kontrollintensität die Entdeckung von Fällen des Menschenhandels fördert. Die Zahl ermittelter Menschenhandelsfälle und -opfer ging dennoch erneut zurück.
Die Modi Operandi insbesondere bei Opfern des Menschenhandels aus osteuropäischen Ländern sind seit Jahren bekannt und unverändert (Versprechen guten Einkommens und sozialen Aufstiegs, Ausnutzen des teilweise geringen Bildungsstands und/oder der fehlenden Lebenserfahrung der Opfer). Der Kontakt zu Tätern entstand häufig im eigenen sozio-kulturellen Milieu.
Obwohl den Opfern umfangreiche Hilfe- und Betreuungsangebote gemacht werden, schweigen sie aus Angst vor Repressalien. Die Täter bedrohen häufig nicht nur das Opfer selbst, sondern auch Familienangehörige im In- und Ausland. Hinzu kommen gesellschaftliche Ausgrenzung, Bildungsdefizite und wirtschaftliche Not der Opfer südosteuropäischer Herkunft.
Die Vernetzung von polizeilichem Opferschutz und Hilfsorganisationen hat sich etabliert. Maßgeblich für Prävention und Verdachtsschöpfung sind intensive Kontrollen der Polizei- und Ordnungsbehörden.
Die erfolgreiche Eindämmung von Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung und seiner Ursachen ist aber weitgehend von nicht durch die Polizei zu beeinflussenden Faktoren abhängig.
Generell dürften Maßnahmen zur Linderung wirtschaftlicher Not und Verbesserung aussichtsloser Lebenssituationen der Opfer in den Herkunftsländern (z. B. im Bildungswesen) am ehesten geeignet sein, junge Frauen vor den Versprechungen von Schleusern und Menschenhändlern

Wer sich informieren will, hier der Link zur gesamten PDF

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