Wo liegt die Zukunft der Branche?

Liebe BIZ-Leserinnen, Leser und Freunde der prostitutiven Sexualität,

wir leben in stürmischen Zeiten: Die Prostitutionsbranche hat sich in den letzten Jahren sehr verändert. Der Trend geht eher zu größeren als kleineren Bordellen. Betriebe, die dem allgemeinen Bedürfnis in der Gesellschaft nach Wellness und Spaß folgen. Entsprechend bezeichnen sie sich auch als fkk-wellness-oasen und bieten auf den ersten Blick all das, was man und frau in einer Sauna- Anlage ebenfalls findet.
Ihr Entstehen scheint auch eine Folge der klareren gesetzlichen Regelungen zu sein. Hier arbeiten Sexarbeiterinnen auf selbstständiger Basis; sie zahlen, wie die Kunden, das Eintrittsgeld und erhalten dafür die Gelegenheit, sämtliche Räume und Angebote des Geschäfts zu nutzen. Das Honorar der Kunden geht 1 zu 1 in die eigene Taschen.
Die Geschäftsstrukturen sind klar, überschaubar und transparent – besonders gegenüber den verschiedenen Behörden (Gesundheitsämter, Gewerbe- und Bauämter, Ausländerbehörden, Steuerbehörden und nicht zu vergessen die Polizei). Hier ist schon jetzt ein Datenberg entstanden, der bei der viel befürchteten Registrierung von Prostituierten kaum größer sein wird. Und das nicht erst seit der Verabschiedung des Prostitutionsgesetzes (ProstG).
Dagegen hat dieses vielfältig diskutierte und kritisierte Gesetz eindeutig auf der ideologischen, emanzipatorischen und professionellen Ebene seine größten Erfolge zu verzeichnen. Es scheint salonfähig zu sein, in der Prostitution zu arbeiten. Huren bezeichnen sich selbstbewusst als Sexarbeiterinnen und organisieren sich nicht nur in eigenen Foren, sondern sind gerade auch dabei eine eigene Organisation aufzubauen. Sie wollen mitreden und mitbestimmen. Sie nehmen staatliche Willkür und Regelungen nicht mehr demütig hin, sondern wehren sich – auch gerichtlich –. Und das mit Erfolg.
Die BordellbetreiberInnen sind ebenso erstarkt. Sie schließen sich zusammen und wollen mitreden und lassen sich nicht mehr in die Schmuddelecke stecken. Sie kopieren Verhalten und Geschäftsgebaren, auch Ideen, aus der „seriösen“ Geschäftswelt und treten damit selbstbewusst an die Öffentlichkeit.
Kunden sind nicht mehr Freier. Sie fordern klare Absprachen und Qualität der sexuellen Dienstleistungen und hinterfragen kritisch das Preis-Leistungsverhältnis. Sie sind froh über die vielfältigen Angebote der sexuellen Dienstleistungen, denn sie wissen um die Bedeutung einer erfüllten Sexualität und wollen nicht darauf verzichten. Auch Senioren, Pflegebedürftige und behinderte Menschen fordern lautstark eine eigenbestimmte und erfüllende Intimität und Sexualität. Sie sind in den letzten Jahren mehr und mehr aus ihrem Schattendasein herausgetreten, sind sichtbarer und werden mehr respektiert.
Doch alle tun sich mit der Flut der verschiedenen Gesetze und behördlichen Genehmigungen, zumal bei regionaler Auslegung, schwer. Nach Jahrzehnten der gesellschaftlichen und rechtlichen Diskriminierung, der Tabus und Stigmatisierung, auch der Nähe zur früheren Strafbarkeit von allem Organisatorischen in der Prostitution, bei fehlender Strukturen wie Arbeitgeber – und Arbeitnehmerverbänden, eigener Fort- und Weiterbildung, fehlendem Zusammenhalt und nicht schnell zu erzielenden politischen Erfolgen braucht es wohl mehrere Jahrzehnte bis dass die Branche im allgemeinen Wirtschaftsgefüge – zumindest von Deutschland angekommen ist.
Dabei werden die Bedeutung der Prostitution für die Gesellschaft, ihrem Sinn und Wert, die Ressourcen, die sie für den Einzelnen bereithalten, unter den Tisch gekehrt oder völlig übersehen.
Auf dieses zarte Pflänzchen von erstmals kleinen Rechten auf Seiten der SexarbeiterInnen und BordellbetreiberInnen braust gerade ein Orkan zu. Er ist schon gefährlich nah gekommen und will uns alles nehmen, was wir haben und uns mühsam erkämpft haben: der Ruf nach einer prostitutionsfreien Gesellschaft – ohne Bordelle, ohne Kunden, ohne SexarbeiterInnen – steht im Raum!
Aufgebrachte, wütende BürgerInnen werden aktiv und setzen sich in Initiativen erfolgreich gegen neue Bordelle und für die Schließung vom Straßenstrich ein. Nachbarn sorgen mit Hilfe des Baurechts für die Schließung von Bordellen, die durch nichts auffielen, so diskret und unscheinbar agierten diese. Und Behörden und PolitikerInnen stehen hilflos daneben und schaffen es nicht, endlich das ProstG zu erweitern und Regelungen für Konzessionen zu schaffen, die auch eine Basis für Mindeststandards und Arbeitsrechte sein könnten. Aber sie könnten auch eine Waffe sein gegen kriminelle Machenschaften und den immer mit der legalen Prostitution in einen Topf geworfenen Menschenhandel zur sexuellen Ausbeutung. Dabei werden die Debatten fast immer auf moralischer Ebene geführt und die verschiedenen Themenbereiche werden schnell vermischt. Als wenn dies bewusst geschähe – als Waffe gegen unsere Rechte. Das Recht auf Sexualität als Menschenrecht, das Grundrecht auf freigewählte Arbeit, das Recht auf den gleichen Schutz und die gleichen Rechte wie andere Erwerbstätige und UnternehmerInnen sie haben.
Das gesellschaftliche, liberale Klima droht ins Gegenteil zu kippen. Zumindest wollen uns dass manche Medien glauben lassen. Wortgewaltig treten die GegnerInnen von Prostitution bei Talkshows, Runden Tischen, bei Printmedien und Internet auf und führen die Verrohung der Menschheit, den Schutz der religiösen-abendländischen Werte und der Kinder- und Jugendlichen an. Anhand von Einzelschicksalen und einzelnen Entgleisungen wollen sie dann gegen die Branche insgesamt vorgehen. Würden sie doch diese Energie für die tatsächlichen Opfer nutzen und  nach Lösungen zu deren Schutz und deren Entschädigung suchen!
Natürlich gibt es kaum Dialoge, es wird ein „kalter Krieg“ geführt und die Gegner bleiben gern unter sich. Doch wohin führt die Schwarz-Weiß-Malerei? Entspricht dies noch einer aufgeklärten Gesellschaft, die sich Inklusion auf die Fahne schreibt und allerorten von Partizipation spricht?
Diese unterschiedlichen Aspekte der Sexbranche wollen wir in den nächsten Ausgaben einzeln und genauer unter die Lupe nehmen.

PortraitEin Kommentar von Stephanie Klee
www.highlights-berlin.de

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