Berlin bei Nacht III

Die Geschichte des Rotlichtmilieus in Berlin
Teil 3: 1933 bis 1945

00140AGLDie Weltwirtschaftskrise traf vor allem die ärmlichen Arbeiterviertel Berlins. Bei blutigen Straßenkämpfen zwischen Kommunisten und Schläger der SA waren auch die letzten 50 Vereine der Unterwelt so involviert, dass ein unbekannter Journalist einer bekannten Berliner Zeitung sogar formulierte: „Ein Verein ‚Immertreu‘, der das Gewimmel halbwegs in Ordnung hält, [habe] seine Verdienste“.
Nach Hitlers Machtergreifung im Frühjahr 1933 waren die meisten Ringvereine verständig genug, sich selbst aufzulösen, da die braunen Truppen ihr Wahlversprechen einer „Vernichtung des gewerbsmäßigen Berliner Verbrechertums“ auch ohne rechtliche Absicherung gleich in die Praxis umsetzten.
1934 folgte die Änderung des Paragraphen 361 Nr. 6 zu seiner extremsten Form: Prostituierte wurden als schwachsinnig, asozial, gefühlskalt und nicht zu ehrlicher Arbeit bereit erklärt. Strafbar war nun „wer öffentlich in auffälliger Weise oder in einer Weise, die geeignet ist, einzelne oder die Allgemeinheit zu belästigen, zur Unzucht auffordert oder sich dazu anbietet“. Die Folgen: Inhaftierung oder Deportation aller an Prostitution Beteiligten in Konzentrationslager, teilweise sogar Zwangssterilisation. Doch nicht nur viele Straßen- und Bordelldirnen und Luden fanden sich in den KZ´s wieder, sondern auch alleinstehende Frauen, die ohne männliche Begleitung in Gaststätten aufgegriffen wurden.
Schrieb Schriftsteller Stefan Zweig noch in den frühen Dreißigern, dass „die Gehsteige derart durchsprenkelt mit käuflichen Frauen [waren], dass es schwerer fiel, ihnen auszuweichen als sie zu finden“, fehlten diese 20.000 Berlinerinnen nun im Stadtbild – jedenfalls sichtbar.
220px-Bundesarchiv_Bild_101II-MW-1019-10,_Frankreich,_Brest,_SoldatenbordellHitlers anfängliche Intention war es, die Verbreitung der Syphilis (die nun statt „französischer Krankheit“ „jüdische Krankheit“ genannt werden sollte) einzuschränken und damit die Volksgesundheit zu heben. Als deren Ursache macht er die Prostitution aus. In „Mein Kampf“ stand: „Die Prostitution ist eine Schmach der Menschheit“, „…kann also an eine wirkliche Bekämpfung der Prostitution nur herangetreten, wenn durch eine grundsätzliche Veränderung der sozialen Verhältnisse eine frühere Verheiratung…ermöglicht wird“, „Nein, wer der Prostitution zu Leibe gehen will, muss in erster Linie die geistige Voraussetzung zu derselben beseitigen helfen“, „Der Kampf gegen die Syphilis und ihrer Schrittmacherin, die Prostitution, ist eine der ungeheuersten Aufgaben der Menschheit“.
Frühverheiratung, viel Sport als Prävention und regelmäßiger, d.h. zwei- bis dreimal- wöchentlicher Sex in der Ehe sollten den außerehelichen Geschlechtsverkehr unterbinden und Verhütungsmittel unnötig machen, da der Führer ja nach deutschen Nachkommen verlangte. 1933 wurde „Ankündigung, Anpreisen und Ausstellung“ von Verhütungsmitteln noch unter Strafe gestellt. Die Volksgenossen scherte das so gut wie überhaupt nicht. 1938 wurden 27 Millionen Kondome verbraucht, stellte ein NS-Arzt konsterniert fest. Sie waren auch überall an öffentlichen Orten zu haben.
421112,property=imageData,v=1„Das Geschlechtsleben bestimmen wir“, verkündete Hitler – doch dass diese Bestimmungen einer im höchsten Maße pervertierten Doppelmoral der Nationalsozialisten im Bezug auf Sexualität und Prostitution zugrunde liegen, kann aus nachfolgenden Anekdoten, die als Blomberg-Skandal in die Annalen eingehen sollte und aus der weiteren nationalsozialistischen Regierung ersichtlich werden.
Im September 1937 lernte der verwitwete Kriegsminister Werner von Blomberg, der zuvor aufgrund von Missbilligungen von Hitlers Kriegsplänen in Ungnade gefallen war,  die 35 Jahre jüngere Margarethe Gruhn kennen, die Jahre zuvor von der Berliner Polizei als Prostituierte registriert worden war. Nach wenigen Wochen hielt er um ihre Hand an, wozu er die Zustimmung Hitlers als obersten Befehlshaber der Wehrmacht benötigte. Hitler bot sofort an, persönlich als Trauzeuge aufzutreten und empfahl Göring als zweiten Trauzeugen. Die Trauung fand im kleinen Kreis am 12. Januar 1938 im Kriegsministerium statt. Doch schnell sprach sich in der naturgemäß immer noch existierenden Berliner Prostituiertenszene die Geschichte herum, Beweise wurden gesammelt und Hitler vorgelegt. Nachdem Blomberg sich geweigert hatte, seine Ehe annullieren zu lassen, wurde er entlassen. Bei seinem Abschied erhielt Blomberg einen „goldenen Handschlag“ von 50.000 Reichsmark und Hitler wurde zum Oberkommandierenden der Wehrmacht ernannt. […]

Den gesamten Artikel liest Ihr in der BIZ 02/12

Mehr zum Thema: Anna M. Sigmund: „Das Geschlechtsleben bestimmen wir. Sexualität im Dritten Reich“, Heyne, 2009 / Insa Meinen: „Wehrmacht und Prostitution im besetzten Frankreich“, http://www.presse.uni-oldenburg.de/25019.html (Stand: 30.12.2011) / SPIEGELonline: „Die Spitze der Doppelmoral. Interview mit Emilija Mitrovic http://www.spiegel.de/sptv/special/0,1518,216761,00.html (Stand: 30.12.2011)

Gedanken eines Revuemädchens während des Entkleidungsaktes
Mein Los ist es, auf dieser queren Erde
Der Kunst zu dienen als die letzte Magd
Auf daß den Herrn ein Glück bescheret werde
Doch wenn ihr fragt
Was ich wohl fühle, wenn ich mich entblöße
In schönen schlauen Griffen und des Lichts
Der goldenen Lampen teilhaft, als Stripptöse
Antwort ich: nichts.
Es geht auf zwölf. Ich komm zu spät zum Bus.
Der Käse ist im andern Laden besser.
Die Dicke sagt: sie geht jetzt in den Fluß
Er hat ein Messer.
Halbvoll. Am Samstag! Heut wird’s wieder zwölfe.
Mehr lächeln. Diese Luft ist ein Skandal.
Halt’s Maul da vorn, ich zeig sie dir schon. Wölfe!
Wie ich die Miete zahl…?
Milchabbestellen hab ich auch vergessen.
Den Hintern aber zeig ich heute nicht.
Ein bißchen schwenken muß ich ihn. Das Essen
Im Gelben Hund ist so, daß man’s erbricht.
(Bertolt Brecht, 1935)

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