Berlin bei Nacht II

Die Geschichte des Rotlichtmilieus in Berlin
Teil 2: 1900 bis 1933

???????????????????????????????Der Anfang des 20. Jahrhunderts war von den aufkeimenden „Ringvereinen“ gekennzeichnet, die die „Schattenwelt“ mit ihren Amüsiermeilen mit Billard-, Tanz- und Vergnügungskneipen – jenseits des Wilhelminischen respektablen Gutbürgertums – zu organisieren begannen. Die „Königsstadtgesellschaft“ der stetig anschwellenden Arbeitervierteln nordöstlich des Alexanderplatzes war wahrscheinlich die erste Vereinigung, die die „Luden“ gegen wöchentliche Mitgliedsbeiträge vor der seit 1884 strafrechtlich illegalen „Kuppelei“ schützte, indem sie z.B. aus der Vereinskasse Rechtsanwälte bezahlte, zusammen mit ihnen mehr Druck auf die Huren ausübte, um mehr Geld zu erwirtschaften und für aufgeflogene Prostituierte, die im Zuchthaus landeten, vorübergehend Ersatzgeld an die Zuhälter zahlte, um deren Existenz zu sichern. Es herrschte ein striktes Schweigegebot untereinander, dessen Verrat mit dem Tod bestraft werden konnte. Wer nicht mitmachte, dem wurden gemeinschaftlich die Kunden vergrault. Bald gehörten auch Falschspieler, Drogengeschäfte und Schutzgelderpresser zu den florierenden Ringvereinen, die sich im Schutzmantel der Freizeitorganisationen mit Satzungen und Vereinsritualen tarnten und sich ironischerweise mit unschuldigen Namen wie „Geselligkeitsverein Libelle“, „Felsenfest“ oder „Glaube, Liebe, Hoffnung“ betitelten.
Es entstanden auch ausgefeilte Standeshierarchien, Glaubens- und Benimmgrundsätze für verschiedenes Klientel: Während Gesangs- und Theatervereine mit gebildeten „Musen“ aus ihren Millieu lockten und auf gute Manieren acht gaben, ging es beim „Athletenclub“ vom Alexanderplatz schon derber zu. Unter den Linden wurden Studentenliebchen in Kaffeehäusern angepriesen und im noblen Westteil die Geliebten der ehemals Reichen verhökert.

???????????????????????????????Schnell wuchs so ein lukratives Geschäft. Die Zahl der Prostituierten stieg auf 5000 offiziell gemeldete und wahrscheinlich doppelt so vielen insgesamt in Berlin. Rekrutiert wurden sie hauptsächlich aus den Elendsvierteln, in denen trotz harter Fabrikarbeit die Familie nicht unterhalten werden konnte, von ausgebeuteten Dienstmädchen, die die wenige Freizeit und Abhängigkeit von den Herrschaften satt hatten und aus den Strömen naiven Landmädchen auf der Suche nach Arbeit. Aber auch Kneipenbedienungen, Sängerinnen und Tänzerinnen, deren Berufe von jeher eine schmale Grenze zur Prostitution aufwies, waren oft in den Nachtlokalen, auf den Straßen oder in teuer angemieteten Wohnungen zu finden.
Der Kundenstamm war oft gutbürgerlich, da offen ausgelebter vorehelicher Sex als unmoralisch galt. Junge expressionistische Lyriker wie Paul Boldt schilderten in ihren Großstadtgedichten ihre ersten Erfahrungen mit den weiblichen Geschlecht, die sie in  anonymen Großstadtnächten sammelten, die so gar nicht in den Mikrokosmos gutbürgerlicher Spitzendeckchenmoral passten, ausführlich und zynisch als Geschäft ohne Liebe:

Friedrichstraßendirnen
Sie liegen immer in den Nebengassen,
Wie Fischerschuten gleich und gleich getakelt,
Vom Blick befühlt und kennerisch bemakelt,
Indes sie sich wie Schwäne schwimmen lassen.

Im Strom der Menge, auf des Fisches Route.
Ein Glatzkopf äugt, ein Rotaug‘ spürt Tortur,
Da schießt ein Grünling vor, hängt an der Schnur
Und schnellt an Deck einer bemalten Schute,

Gespannt von Wollust wie ein Projektil!
Die reißen sie aus ihm wie Eingeweide,
Gleich groben Küchenfrauen ohne viel

Von Sentiment. Dann rüsten sie schon wieder
Den neuen Fang. Sie schnallen sich in Seide
Und steigen ernst mit ihrem Lächeln nieder.
(Paul Boldt, „Junge Pferde, junge Pferde“, 1914)

Dann markierte der erste Weltkrieg auch das vorläufige Ende der Berliner Unterwelt. Tanzlokale wurden komplett verboten und Überschreitungen hart geahndet. Viele der Luden und Gesellschafter kamen in den Kämpfen um.                                                              Nach dem Krieg wurde dafür umso heftiger weitergefeiert. Die „goldenen Zwanziger“ vertuschten politische und wirtschaftliche Desaster und Zukunftsängste mit dem Tanz auf dem Vulkan. Berlin wurde hip, Touristen strömten in die Stadt, die Blütezeit von Kunst, Musik, Tanz, Gesellschafts- und Spaßkultur, von den ersten Emanzipationsbewegungen der Frau, aber auch gleichzeitig die Hochzeit von Ringvereinen und Prostitution bricht an. Illegale Nachtclubs wurden zum begehrtesten Objekt der Schutzgelderpresser, da sie ohne Konzession keine Anzeigen bei der Polizei aufgeben können. Die Prostituierten errangen mehr Macht im System und regten auch schon mal einen „Personalboykott“ gegen Zuhälter und Gesellschafter an, wenn eine Kollegin gekündigt wurde. Mit der Weiterverbreitung von Drogen kam es zwar vermehrt zu gezielten Razzien, jedoch herrschte bei der Polizei die Einstellung vor, dass mehrere große Vereine besser zu kontrollieren seien als viele Kleinkriminelle. Und natürlich verdienten viele Beamte einen guten Nebenverdienst mit Bestechungsgeldern, bis bei einer Massenschlägerei mit Toten kurz vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten die Polisten doch exemplarisch eingreifen müssen, da ihre Verwicklungen sonst aufzufallen drohten und große Vereine ausgehobelt wurden.
Unbedingt erwähnenswert sind die gleichzeitigen Entwicklungen der Gegenbewegungen. […]

Den gesamten Artikel liest Ihr in der BIZ 01/12

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